Physiotherapie Fachkräftemangel in Zahlen: Was die Daten wirklich zeigen
Beim Physiotherapie Fachkräftemangel geht es nicht nur um „gefühlt wenig Personal“. Es gibt harte Kennzahlen. Besonders deutlich ist die Besetzungsdauer offener Stellen. Die Vakanzzeit liegt in Auswertungen inzwischen bei rund 265 Tagen (2024) – und wird von Verbänden teils sogar mit 280 Tagen beziffert.
Auch die Versorgungslage zeigt sich bei Terminen. In einer Verbandsbefragung gaben 55,4 % der Praxen an, dass ein Ersttermin frühestens nach vier Wochen möglich ist.
Physiotherapie Fachkräftemangel – die wichtigsten Kennzahlen
| Kennzahl | Wert (Deutschland) | Warum das wichtig ist |
|---|---|---|
| Offene Stellen / Fachkräftelücke | ca. 11.600–12.000 fehlende Fachkräfte | Unterbesetzung wird strukturell, nicht nur saisonal |
| Vakanzzeit offener Stellen | ca. 265–280 Tage | Praxen finden monatelang keine passenden Bewerber |
| Ersttermin-Wartezeit (Umfrage) | 55,4 %: frühestens ab 4 Wochen | Versorgung rutscht nach hinten, Beschwerden chronifizieren leichter |
| Beschäftigte Physiotherapeut:innen | 208.000 (2023) | Größe des Berufsfelds – aber nicht automatisch genug Kapazität |
| Studierende/Schüler:innen Physiotherapie | 22.328 (2023/24), Absolvent:innen 5.259 | Nachwuchs reicht oft nicht, um Abgänge auszugleichen |
| GKV-Physiotherapie-Volumen | 35,8 Mio. Leistungen / 254 Mio. Behandlungen (2022) | Hoher Bedarf, der nicht einfach „wegoptimiert“ werden kann |
Warum ist der Fachkräftemangel in der Physiotherapie so hartnäckig?
Viele Debatten springen zu schnell zu einer einzigen Ursache. „Zu wenig Gehalt“ oder „zu wenig Nachwuchs“ klingt griffig. Reicht aber nicht. Der Physiotherapie Fachkräftemangel ist eher ein Zusammenspiel aus Nachfrage, Ausbildung, Arbeitsrealität und Systemlogik.
1) Die Nachfrage ist hoch – und bleibt hoch
Physiotherapie ist keine Luxusleistung. Sie ist Versorgung. Allein für gesetzlich Versicherte wurden 2022 rund 35,8 Millionen physiotherapeutische Leistungen mit 254 Millionen Behandlungen abgerechnet. Der Umsatz lag GKV-weit bei 7,8 Milliarden Euro.
Dazu kommt: Viele Behandlungen sind zeitkritisch. Nach OPs, bei Schmerzpatienten, bei neurologischen Erkrankungen oder in der Geriatrie zählt oft der frühe Start.
Wenn die Nachfrage stabil hoch bleibt, muss die Kapazität mitwachsen. Genau das passiert zu selten.
2) Ausbildung: Einstiegshürden, Kapazitäten, Reformstau
Der Physiotherapie Fachkräftemangel beginnt vor dem ersten Arbeitstag. Denn der Berufseinstieg ist nicht überall attraktiv organisiert.
Ein paar Punkte stechen heraus:
- Schulgeld: In vielen Bundesländern ist es abgeschafft, aber nicht komplett bundesweit. Physio Deutschland nennt 14 von 16 Bundesländern mit Schulgeldfreiheit (Stand der Erhebung).
- Ausbildungsvergütung: Es gibt Bereiche, in denen Schüler:innen eine Vergütung erhalten (z. B. an Unikliniken/kommunalen Kliniken nach Tarif). Das gilt jedoch nicht automatisch flächendeckend.
- Nachwuchszahlen: Für 2023/24 werden 22.328 Schüler:innen und 5.259 Absolvent:innen ausgewiesen. Das klingt viel, ist aber im Verhältnis zu Abgängen und Teilzeit nicht zwingend ausreichend.
- Akademisierung: Der Anteil akademischer Abschlüsse wird als sehr gering beschrieben (teils unter 3 % in Bestandszahlen).
Hinzu kommt: Reformen in Gesundheitsfachberufen sind oft langwierig. Selbst wenn Entwürfe existieren, hängen Fragen häufig an Finanzierung, Zuständigkeiten und Umsetzung.
3) Arbeitsbedingungen: Hohe Belastung trifft auf viel Verwaltung
Physiotherapie ist körperlich anspruchsvoll. Gleichzeitig ist der Alltag in vielen Praxen organisatorisch dicht.
In einer Verbandsumfrage sehen 86 % der Befragten Bürokratie als größten Problempunkt. Und wenn Praxen nach „Hauptproblemen“ gefragt werden, landet Bürokratie vor dem Fachkräftemangel.
Das ist ein wichtiges Signal: Der Physiotherapie Fachkräftemangel ist nicht nur ein „Recruiting-Thema“. Er ist auch ein „Arbeitsalltag-Thema“. Denn Bürokratie frisst Zeit, die niemand zusätzlich hat.

4) Gehalt und Perspektiven: Mehr Geld hilft – aber nicht allein
Geld ist nicht alles. Aber es ist ein Teil der Wahrheit.
Die Bundesagentur für Arbeit weist für „Berufe in der Physiotherapie“ (Anforderungsniveau Spezialist) ein Medianentgelt von 3.248 Euro (2024) aus. Gegenüber 2016 wird ein Plus von 48,2 % genannt.
Das zeigt: Die Entgelte sind gestiegen. Trotzdem bleibt der Physiotherapie Fachkräftemangel bestehen. Warum?
- Weil Belastung, Arbeitszeiten und Entwicklungsmöglichkeiten oft nicht mitwachsen.
- Weil ein Beruf auch Identität ist: Anerkennung, Autonomie, Fortbildung, Teamkultur.
- Weil viele Praxen wenig „Luft“ haben, wenn Abläufe ineffizient sind.
5) Teilzeit ist kein Makel – aber ein Kapazitätsfaktor
Der Physiotherapie Fachkräftemangel wird oft in Köpfen als „zu wenige Menschen“ gespeichert. In der Praxis geht es aber auch um Arbeitszeitvolumen.
Wenn mehr Therapeut:innen in Teilzeit arbeiten, sinkt die Behandlungs-Kapazität – auch wenn die Kopfzahl stabil bleibt. Dazu kommen Ausfälle durch Krankheit, Elternzeit und Berufswechsel.
Folgen: Was der Physiotherapie Fachkräftemangel konkret auslöst
Für Patient:innen: lange Wartezeiten und unterbrochene Therapien
Wenn ein Ersttermin erst nach Wochen klappt, verschiebt sich Behandlung nach hinten. In der VPT-Auswertung lagen die Wartezeiten häufig bei mindestens vier Wochen.
Das Problem ist nicht nur „unpraktisch“. Es kann medizinisch relevant sein. Schmerzen verfestigen sich. Bewegungsmuster verschlechtern sich. Und manche Patient:innen geben auf, bevor Therapie startet.
Für Praxen: Wachstum wird gebremst, Teams brennen aus
Viele Praxen würden mehr behandeln. Sie können es nicht. Offene Stellen bleiben monatelang unbesetzt. Gleichzeitig steigt der Druck auf das bestehende Team.
Verbände weisen zudem darauf hin, dass Stellen teils gar nicht mehr gemeldet werden, weil Erfolgsaussichten gering sind. Dadurch wirkt die Statistik oft besser als die Realität.
Für das Gesundheitssystem: höhere Kosten, mehr Folgeschäden
Wenn Therapie später startet, werden Verläufe teurer. Das kann mehr Arztkontakte bedeuten. Mehr Bildgebung. Mehr Medikamente. Und manchmal auch OPs, die man vielleicht früher hätte vermeiden können.
In einer großen Befragung innerhalb der „PhysioStudie 2025–2035“ gaben 63 % der befragten Physiotherapeut:innen an, den Direktzugang zu wünschen. 65 % sind überzeugt, dass frühzeitige Physiotherapie viele orthopädische Operationen verhindern kann.
Das sind Einschätzungen aus der Berufsgruppe, keine klinische Leitlinie. Aber sie zeigen, wie stark das Feld „zu spät im System“ erlebt wird.
Lösungen: Was den Physiotherapie Fachkräftemangel wirklich entschärfen kann
Es gibt keine Einzellösung. Aber es gibt Hebel, die zusammen spürbar wirken. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst Entlastung schaffen, dann Wachstum ermöglichen.
Ebene 1: Sofortmaßnahmen für Praxen
Viele Praxisinhaber:innen fragen sich: „Was kann ich morgen ändern, ohne alles umzubauen?“ Genau da liegen Quick Wins.
10 Maßnahmen, die Praxen sofort umsetzen können
| Maßnahme | Effekt auf Team & Recruiting | Aufwand |
|---|---|---|
| 4-Tage-Woche oder feste „Früh/Spät“-Modelle | Mehr Bewerbungen, weniger Fluktuation | Mittel |
| Admin-Entlastung (Rezeption/Abrechnung/Orga) | Therapeut:innen behandeln mehr, weniger Stress | Mittel |
| Klare Fortbildungs- und Gehaltsstufen | Perspektive statt „Stillstand“ | Mittel |
| Onboarding-Plan für 30/60/90 Tage | Schnellere Sicherheit, weniger Abbruch | Niedrig |
| Patientenaufnahme digitalisieren (Anamnese vorab) | Mehr Therapiezeit, weniger Unterbrechungen | Niedrig–Mittel |
| Spezialisierung im Team (z. B. Ortho/Neuro/MT) | Profil stärkt Bewerber- und Patientenzulauf | Mittel |
| Springerkonzepte / Pool-Planung | Weniger Chaos bei Ausfällen | Mittel |
| Recruiting über Kooperationen (Schulen/Studium) | Konstante Pipeline statt Zufall | Mittel |
| Empfehlungsbonus für Mitarbeitende | Funktioniert oft besser als Anzeigen | Niedrig |
| Stärkere Teamkultur (Routinen, Feedback, Supervision) | Bindung steigt, Konflikte sinken | Niedrig |
Ebene 2: Ausbildung und Einstieg einfacher machen
Der Physiotherapie Fachkräftemangel lässt sich nicht lösen, wenn der Berufseinstieg kompliziert bleibt.
Was häufig genannt wird:
- Schulgeldfreiheit bundesweit konsequent umsetzen.
- Ausbildungsvergütung breiter etablieren, nicht nur in wenigen Trägerstrukturen.
- Moderne Curricula, die evidenzbasiert und praxisnah sind.
- Mehr Studiengänge, vor allem nach dem Auslaufen von Modellkonstruktionen und der neuen Verantwortung der Länder für den Ausbau.
Das Ziel sollte klar sein: Mehr junge Menschen sollen Physiotherapie als sicheren, entwicklungsfähigen Beruf sehen.
Ebene 3: Systemhebel – Bürokratieabbau, Anerkennung, Direktzugang
Bürokratieabbau: Zeit zurück in die Behandlung holen
Wenn Bürokratie der größte Stressor ist, lohnt es sich, hier zuerst anzusetzen. Praxen verlieren Zeit durch:
- formale Fehler auf Verordnungen
- Rückfragen und Prüfprozesse
- Zuzahlungsabwicklung
- Dokumentationspflichten ohne Mehrwert
Der Physiotherapie Fachkräftemangel wird dadurch verschärft, weil Fachkräfte für Verwaltungsarbeit eingesetzt werden.
Anerkennung ausländischer Fachkräfte: schneller, klarer, planbarer
Internationale Fachkräfte sind kein „Wundermittel“. Aber sie sind ein wichtiger Baustein.
Wichtig ist: Physiotherapie ist in Deutschland ein reglementierter Beruf. Ohne Anerkennung geht es nicht.
Das Anerkennungsportal nennt dabei konkrete Eckdaten:
- Kosten des Anerkennungsverfahrens: maximal 450 € (plus mögliche Zusatzkosten).
- Dauer: nach vollständigen Unterlagen in der Regel bis zu 4 Monate für den Bescheid.
- Sprachniveau: B2 wird als erforderlich benannt.
Verbände fordern zudem, Beschleunigungen im Anerkennungsverfahren ausdrücklich auch auf Therapieberufe auszuweiten.
Direktzugang: Versorgung entlasten, Wege verkürzen
Der Direktzugang wird seit Jahren diskutiert. Die Idee: Patient:innen können bei bestimmten Beschwerden direkt zur Physiotherapie, ohne vorherige ärztliche Verordnung. In vielen Ländern ist das Standard.
Wissenschaftliche Arbeiten und Debatten betonen, dass Direktzugang Chancen zur Optimierung bieten kann – gerade unter dem Druck von Demografie und Personalmangel.
Wichtig ist: Direktzugang bedeutet nicht „Therapie ohne Regeln“. Er braucht klare Standards, Kompetenzen, Qualitätssicherung und eine saubere Finanzierung.
Mini-Check: Woran du merkst, dass deine Region besonders betroffen ist
Wenn du den Physiotherapie Fachkräftemangel vor Ort einschätzen willst, helfen diese Signale:
- Du bekommst Termine nur mit 3–6 Wochen Vorlauf.
- Praxen nehmen keine neuen Patient:innen mehr an.
- Hausbesuche werden stark eingeschränkt.
- Mitarbeitende wechseln in andere Bereiche oder reduzieren Stunden.
- Die Praxis verlängert Öffnungszeiten, um Ausfälle zu kompensieren.
Wenn mehrere Punkte zutreffen, ist das kein Einzelfall. Dann ist es ein Systemtrend.
Fazit: Der Physiotherapie Fachkräftemangel ist lösbar – aber nur mit echtem Kurswechsel
Der Physiotherapie Fachkräftemangel wird nicht verschwinden, wenn man nur „mehr Werbung für den Beruf“ macht. Es braucht Entlastung im Alltag, klare Einstiegspfade und ein System, das Therapie nicht als Anhängsel behandelt.
Die Daten zeigen, wie ernst es ist: lange Vakanzzeiten, viele offene Stellen, steigender Bedarf.
Wenn du Praxisinhaber:in bist, starte bei den Dingen, die du selbst steuern kannst. Arbeitsmodelle. Prozesse. Kultur.
Wenn du Therapeut:in bist, sprich offen über Grenzen und Entwicklung. Gute Teams halten länger.
Und wenn du politisch oder in Kassen-Strukturen Verantwortung trägst: Bürokratie abbauen, Ausbildung stärken, Anerkennung beschleunigen – das sind keine Extras, das ist Versorgungssicherung.
